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Westen

„Looks like Wales“ meinte Mr. James Cook, Schiffskapitän, im Anblick des neu entdeckten Landes. Nach Wales geht es also dann demnächst, das ist weniger weit weg als Australien und wohl auch so hübsch. Aber davon erinnert hier gerade nichts. Auf dem Beifahrersitz schreibe ich diesen Artikel und habe um mich herum nichts außer trockenes Gestrüpp auf 180° Sichtbreite. Outback. Nur geradeaus, Himmelblau, etwas Weiß dazwischen. Dann und wann geht eine Sandpiste vom Highway ab und führt auf ein drahtiges Tor zu, rostig. Dahinter läuft der rote Weg ins Nirgendwo. Oder trifft auf ein paar Holzhäuser am Horizont. Dort vermute ich ein paar Eigenbrötler, die ein Leben als Outback- Farmer führen. Kein Funknetz, es vergehen Minuten, ehedem ein neues Auto entgegenkommt. Wie lange es wohl dauert, bis es dem Australier auf solchen Straßen langweilig wird?

Auf dem Weg hierher war zuerst Sydney im Rückspiegel, der Highway dröselte sich dann hinauf in die Blue Mountains, dort über Katoomba, Blackheath und Lithgo entlang nach Bathurst. Das ist die erste Stadt in Central New South Wales, dem Eingangstor zum Westen. Und wie der Van den Highway die Berge hinunter rollte, verstand ich augenblicklich die Verwegenweit, das Archaische und Nebulöse eines Suchenden: „Nach Westen“ wäre seine Antwort auf die Frage, wohin es gehen sollte. Und dieses „Westen“ verleiht Flügel. Man muss noch nicht einmal eine Dose öffnen. Sondern nur die Berge im Spiegel sehen, die nicht endenden Hügel vor einem. Die Weite und Großzügigkeit, mit der in Australien die Landstriche auf der Leinwand liegen. „Looks like Wales“? Könnte gut die Gegend um Bathurst bis hinaus hinter Cowra sein. Die Hügel und wild wachsenden Eukalyptusbäume, die Ungepflegtheit mit altenglischem „well…“ Sobald eine Ladung Landschaftsgestaltung verstrichen ist, wartet hinter der Kurve, dem Hügel oder der Kreuzung die nächste. So hübsch. Was kommt danach? Wales ertrinkt nicht in den Transatlantikbeziehungen, es wird vom Bush besiegt. Das ist jenes Strauchgemenge aus Gelb, Grau, Grün, nochmal Grau und Rot, dass ab spätestens West Wyalong alles Romantische vertrieben hat. Flach, weit, trockener, unwirtlicher. Und: Einsam. Man freut sich auf den nächsten großen Punkt auf der Landkarte, um sich dann zu fragen: Warum ist ein Ort mit 2000 Einwohnern so groß auf der Landkarte verzeichnet? Ist es ein Knotenpunkt, ein Zentrum? Gerade nehme ich mir eine Karte von Australien in die Finger. Tatsächlich ist West Wyalong darauf verzeichnet. Ich grinse, wenn ich mir eine Europakarte vorstelle und darauf einen Ort wie Prösen eingetragen sehe.

„Nach Westen“ verliert sich ins Abstrakte einer Definition sobald man weiter Richtung Hay fährt. Kein Grasland mehr, nur noch Steppe. Man hört den Wind, einen Vogel von weit her. Mal ein Auto. Was noch? Da muss doch noch mehr sein? Hallo? Stille. Und gleich renne ich mit meiner Spielidee zum Patentamt: „Ich höre nicht, was du sonst hörst!“ Davon mindestens sechs verschiedene Dinge. Hay selbst ist dann eine Hauptstraße mit allem Wichtigen dran und kleinen Wohnvierteln nebenher. Der „Nach Westen“ Plan ist auch hier nicht am Ziel, aber man will gern vom Pferd steigen, seinen Colt ziehen und einen Hut durchlöchern, dann mit Dr. Emmet Brown den Fluxkompensator wieder fit machen. Die Mauern der Stadt werden dabei zum Schutz vor der rauen Weite da draußen. Gemütlich. Quer durch. Und weiter!

Gestern besuchte ich Mick und Kate, Mandolinenbauer und Sängerin, die ein riesiges(!) Grundstück besitzen. Auf dem Hügel das Haus. Er selbst Zimmermann, hat es gebaut und lud ein. Auf den Zehenspitzen der Blue Mountains liegen das Grasland, die Werkstatt und die von Kängurus bewohnten Gumtree- Wälder. Nach einem 30- minütigen Spaziergang in eine Richtung hatte ich noch immer nicht die Zäune erreicht. Also umkehren, Übersicht verschaffen. Weiter oberhalb des Hauses gibt es einen Hügel, mit einer Schneise durch den Wald. Von dort sah ich hinab, über das riesige Grundstück hinaus, weit in die Landschaft – und verstand den alten Cook.

Veröffentlicht in Australiyear