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Fäden in den Geschichten der Welt

Butterfly Effect. Der Schmetterlingseffekt. Ein asiatisches Sprichwort meint: Was man tut, hat Konsequenzen. Ein Schmetterling kann mit seinen Flügen in China schlagen und in Argentinien ein Erdbeben auslösen. Lange her, seit sich der gleichnamige Film in meine Augen gegraben hat. Aber er bleibt präsent. Wie sich das asiatische Wort für mich in Terra Australis anfühlt, das geht in drei Sprüngen so:

I – Flügelschlag
November 2014. Ein Donnerstagnachmittag. Die Mildura Episode neigt sich dem Ende und ich bin auf einem Secondary College im Musikunterricht. Kids zocken Gitarren, Bässe, Drums, üben für einen Gig, der gleichzeitig ihre Benotung beinhaltet. Ich schaue mir den Unterricht an, mache Interviews mit Lehrer Luke Peak und schreibe danach einen Bericht über Musikunterricht in der Gegend Mildura. (Den gibt es hier zum Download) Da wachsen einem schon die Neidhörner, betrachtet man die Energie, die Ausstattung der Räume und die Teilnahme der Schüler im Unterricht. Klasse gemacht, tatsächlich spielen die Schüler in Musik auch Musik.

In einem kleinen Proberaum rede ich mit zwei Jungen, 15 und 16, sie arbeiten an einem Song. Gitarre, Bass. Bauen ihn zurecht, indem sie die passende Tonart für ihre Stimmen finden. Levi am Bass bekommt eine kleine Aufgabe von mir und hat mit ihrer Lösung den richtigen Fingersatz gefunden. Wir unterhalten uns über Musik, ich zeige den Jungs etwas auf dem Bass und gehe schließlich zu anderen Gruppen. Arbeite seriös, das Interview muss umfassend recherchiert sein, jawohl!

Am selben Abend einen Jazzgig gespielt, dann los ins Land. Die große Reise Mildura – Woodford begann. Durch die Grampiens nach Port Fairy, Great Ocean Road, Melbourne, Gippsland, bis an die Küste, dann malerisch nach Norden, Sydney, Port Macquarie, magic Byron, Brisbane, Woodford, Wahuu! Und tausend Eindrücke dazwischen.

März 2015. Samstagabend in Bruthen. Einen ganzen Tag Studio hinter mir, bin ich wieder im hübschen Ost- Gippsland. Ich stehe auf dem Holzdeck des rustikalen „Bruthen Inns“, dem lokalen Hotel, schaue nach Westen ins Tal und telefoniere mit Chris. Die Abendsonne wirft die letzten warmen Strahlen über die Berge bevor sie dahinter nach Europa brutzelt. Wir klären die Details für das Cullulleraine Exposed Festival. Alles cool, ach ja, da ist noch was Chris. Der Hals deiner Mandoline bricht ab, die Leimung geht auf. Ich wars nicht! Tschuuuummm. „Roight…“ Backe den besten Cheesecake und schmeiß’ gleich danach Fischsauce drauf. In dem Fall musste es sein.
Die Gippsland Woche geht gut weiter mit den Aufnahmen der Kinder in den Grundschulen und sehr ländlichen Eindrücken der Südküste.

II – Schwingungsfäden
April 2015 Cullulleraine Exposed. Am Freitagnachmittag richte ich den Van auf dem Zeltplatz ein, Samstag geht es los. Ein paar Musiker trudeln ein und ich erfahre von Tony, einem Songwriter und seinem Sohn, Levi. Gleich darauf lerne ich beide kennen. Etwas an dieser Begegnung raschelt im Hinterkopf und ich spule zurück, renne, springe über all die Küsten und Strände, die Grooves von Woodford und der Glut in Tamworth. Mildura! College, ach genau! Ja cool, wir kennen uns und labern über das und jenes. Australien wird kleiner. Dazu kommt seine Mutter Ana. Ihre Familie ist verwurzelt in Neuseeland, sie ist eine Maori. Als die drei ihr Camp errichtet haben, war ihre erste Frage: „Do you like nipples, Maik?“ Levi schaut auf, grinst, sein Dad dreht sich zu Ana um, ich fange an zu feixen. „Oh! Sorry sorry, the Kiwi-Accent! I mean „nibbles“, something to chew on, chips and sauces.“ Ja, so kann man’s auch machen.

Nach meinem Hauptgig am Samstag spiele ich später in der offiziellen Cullulleraine Open Camp Kitchen Stage. Levi + Eltern sind auch da. Ich spiele neben einigen anderen Songs meinen deutschen Song „Riese“. Als ich mit meinem Set fertig bin, kommt Ana zu mir, ihre Augen groß, die Hand zu mir ausgestreckt und fragt mich, welchen Song ich da gespielt habe, dieser Giant, der Riese? Der Flügelschlag, nur ist es einige Welten her.

Dafür ein Flashback
Oktober 2010. Nach 24 Stunden Flug, drei Stunden Autofahrt und etwas Schlaf sitze ich auf einem Plateau und sehe, wie Stille lebt. Vom Mt. Taranaki hinab liegen die sattgrünen Ebenen, die Wolken ziehen langsam näher, rollen die Hänge hinauf. Im Dunst der Ozean, hinter mir der steinerne Gipfel des alten Kolosses. Nach einer erforschenden Wanderung habe ich meine Gitarre bei mir und spiele, probiere, kritzele herum. Der Song „Riese“ entsteht dort auf den Hängen von Taranaki.

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wild und weich der schnee fällt vom himmel an diesem ort

am ende des pfades nur wolken warten dort
sie ziehn von weiten wassern sanft herauf
über felsen und bäche und wälder ziehn sie fort

die menschen hier vor langer zeit schauten nur zu dir wenn ein wunder entzweit ihr gefühl dafür
was die welt lebend hält, weil du schon lang thronst hier

zu dir aufgeschaut ist jedes haus nur ein kleiner fleck
wenn die sonne hoch steht sind deine hänge dem schnee versteck
den tod bringst du für all jene die achtlos sind
wenn sie so leichtfertig herzens dann meinen dich zu bezwing’

die menschen hier vor langer zeit schauten nur zu dir wenn ein wunder entzweit ihr gefühl dafür
was die welt lebend hält, weil du schon lang thronst hier

als könig erkannt sieht man ringsum von weitem seit jeher vergöttert – dein gewand
mit schnweeweißer pracht von den wolken erdacht ist dein leuchtender gipfel wunderland

ein einsamer riese auf den inseln der wolke, tausende jahre stehst du hier
ein eisiger riese auf den inseln der wolke, ewig thronst du hier


III – Beben
April 2015 Cullulleraine – Ana hörte meine englische Einleitung zum Song – der ist auf Deutsch, kein Mensch versteht ihn hier. Jetzt erzählt sie mir, dass ihre Familie und Vorfahren genau an diesem Ort lebten und leben, sie den Berg wie einen Gott verehren und ihr Geschick und Glück von ‚seinem‘ Wohlwollen abhängig sehen. Es ist unglaublich, dass jemand vom anderen Ende der Welt einen Song über diesen Berg geschrieben hätte. Seine Bedeutung und Magie den Einwohnern in einem Lied transportieren kann. Und ob ich eine englische Version habe.

Sie erzählt mir über das Verhältnis der Menschen dort zu ihrem Berg und ich bin baff, dass ich ohne jede Maori- Ahnung ein ziemlich genaues Bild davon im Text gemalt hatte. Damals auf den Hängen in Neuseeland. Mit diesem Input steuere ich das Wochenende lang über das Festival: Mildura – Schule – Levi – Gippsland – Festival – Levis’ Family – Riese. Bäng.
Ana schickte ich gestern Abend ein backfrisches Demo des Riesen in Englisch. Ich frage mich: Welche Lüfte bewegt der Flügelschlag des Schmetterlings dieses Mal?


Themenwechsel
Gehe in die Knie, mache einen großen Sprung und lande auf Eis.
Eis, Edward hatte seine Zeit damit. Erinnert sich jemand an den Film „Edward mit den Scheerenhänden“? Kommen da warme Erinnerungen hervor? Ich teile sie! Es gibt dort eine Szene, in der er einen Engel aus einem riesigen Block Eis schnitzt. Verliebt als Frankensteins Monster in die junge Wynona Rider – Geht das gut? Es muss unbedingt gut gehen.

Weil: Die Musik dazu ist weltfremd schön. Danny Elfman komponierte den Soundtrack und nannte das Stück für diese Szene: „Ice Dance“. Seit jeher transportiert mich dieses Stück nach anderswo und als ich im Januar nach dem Woodford- Zirkus ein paar Tage Ruhe im Regenwald um Maleny fand, dachte ich: Das machen wir! Wir, ein paar Musiker, die sich in Tamworth Mitte Januar treffen, eingeladen von Andrew Clermont. Ich schrieb ein Arrangement für eine kleine Besetzung dieses magischen Stücks, das eigentlich für ein 100-Leute-Orchester komponiert wurde. Es klein und doch wirksam zu halten, es funktionieren zu lassen, das war die Herausforderung! (Abgesehen davon, jedem so einen Zettel voller Noten in die Hand zu drücken) In Tamworth war es dann soweit, ohne viel Zeit für die Vorbereitung zu haben, brachten wir es auf die Bühne. Herz für dieses Stück!

Hier noch die obligate Information in Hochdeutsch: Es spielen von links nach rechts: Gage Stead Kontrabass, Parris MacLeod Klavier, Maik Antrack E-Bass, Jeri Foreman & Jude Iddison Geigen, Brookie Gillett & Marilla Homes Gesang.

Bis demnächst,
aus Adelaide

Foto: Peter Brown
Foto: Peter Brown

Veröffentlicht in Australiyear