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Weiter auf der Straße // Kapitel 2 – Das Rote Herz

…Die Fliegen warten schon an der Grenze. Ein rostiges Kunstwerk sagt: Welcome to Outback Australia – Northern Territory. Man kann es kaum lesen, weil die lästigsten Fliegen der Welt den Kopf besetzen. Jagt man sie weg, schweben sie ungefähr 2cm weiter und setzen sich wieder, suchen, jucken und summen. Ungefähr 20 pro Kopf. Und die haben ein unendliches Reservoir an Fliegennachschub, falls man ein paar erwischt. Tapferes Schneiderlein, willst du hier deinen eigenen bescheidenen Rekord knacken? Rück’ mal an, geht schnell.

Ins Auto, weiter, der nicht endende Highway überlässt einem sich selbst, man könnte die Lenkradkralle anschließen, es geht ohnehin meistens nur geradeaus. Langsam zieht das Nichts vorbei und hört nicht auf. Roter Sand, Bushgras, Gumtrees, es bleibt immer gleich und der Mangel an neuer Information normalisiert.

Centre of the centre, so nennt sich das Erldunda Roadhouse. Ach echt? Tatsächlich! – Die Tanke samt Zeltplatz und kleinem Shop ist tatsächlich die Mitte von Australien. Vielen Dank für das Understatement, es gibt nirgendwo ein Denkmal dafür. Man würde das genießen wollen, wären da nicht die 20 Ungeheuer, die einem nervtötend am Kopf herumackern und krakelen. Außerdem: Die Hypnose des Highways lässt so schnell nicht nach, da macht so ein Roadhouse inmitten drin keinen großen Unterschied. Noch ein bisschen weiter, Richtung Westen, das Schild sagt tatsächlich: Uluru. Irgendwo auf halber Strecke ist das Lager für die Nacht und es ist: Still. Windige Büsche zwischen denen der Blick versucht, irgendetwas außer der Weite auszumachen – nix da. Nur Bush. Geh’ da nicht rein! Im Dunkel fragt mich der Himmel der südlichen Hemisphäre:
„Bin ich ein Zelt
was glaubst du
ist auf der anderen Seite
meiner Welt?“
Nacht. Highway hinein abgeschlossen.


Kapitel 2 – Rotes Herz

Stein war Sand war Stein

Ich bin deine Illusion und du glaubst gar nicht, was ich war! Du bist ein hundertmaliger Bruchteil der Zeit, du versuchst tatsächlich zu verstehen? Auf mir läufst du herum und orientierst deine Blicke auf einen der Ahnen. Du meinst, es ist ein Rätsel, wie dieser Fels hier liegen kann? Ich sage dir: Es ist ein Lehrstück der Sinnestäuschung. Wie es scheint, ist es nicht. Wie es ist, war es nicht. Nun verwirre ich dich damit und doch macht alles Sinn. Überall wo du fährst und läufst, es ist Sand. Das bin ich. Ich bin Sand. Ich erzähle dir verknappt und skizziert meine Geschichte. Und sie beginnt so lange vor Allem, was ihr selbst aufgeschrieben habt.

Es ist 900 Millionen Jahre her, ich war mit Ungezählten meiner Art fest verbunden zu einem Gebirge überall hier. Gepresst zu Fels mit Eisen im Herzen, strahlten wir über diesen Kontinent rot im Sonnenlicht. Doch selbst wir sollten nicht bleiben. Erosion löste unsere für immer glücklich geglaubten Beziehungen. Siehst du, wie unsere Hände und Bände auseinandergerissen wurden? Siehst du, wie wir zerfielen? Wasser raffte uns fort, Wind brachte uns ins Chaos. Und die Wüste, sie kam; sie wurde, als wir zerfielen. Jetzt sind wir Wüste und Staub. Wind bringt uns fort und wir wissen nicht, wo wir sind. Ein paar sind geblieben. Wir wissen nicht, wie und warum. Als Fels ragt der Stein Uluru aus der Erde. Dreihundert Meter über dem Sand, doch weitere sechs Kilometer unter ihm. Du siehst nur den kleinsten Teil seines Ausmaßes, sechstausend Meter in den Sand hinein, dort lagert sein Gewicht. Das flache sandige Gebiet hier im Zentrum Australiens, es sind die Reste des Gebirges, das wir eins stolz darstellten. Ist es nicht anmaßend, sich das vorstellen zu müssen? Du würdest hier nicht laufen können, wärest in ewigem Stein vertan. Und so geht die Geschichte unserer Trennung weiter. Hier ist nur noch Sand. Verweht und wird vertragen. Ich zeige dir den eingefrorenen Schneckengang der Geologie. Denn es geht weiter, immer weiter. Dein Leben ist nur ein hundertmaliger Bruchteil der immer formenden Zeit.

Uluru und Kata Tjuta, es sind Giganten, wie man es sich nicht vorstellt. Die Fotos dieser Felsformationen können gar nicht herüberbringen, wie überwältigend die Batzen da im Outback liegen. Langsam nähert man sich ihnen auf der Straße durch den Nationalpark und es dämmert einem, wie heilig diese Orte für die Aborigines sein müssen. Aber im Licht der wissenschaftlichen Erklärung scheinen Uluru und Kata Tjuta wie ein Schlüssel zu einem urzeitlichen Bild der Landschaft. Der Blick auf die Felsen als Eingang zur früheren Erdgeschichte. Rotes Herz, du lebst weil du Rätsel fragst.


Halt’ an

Nach ein paar Tagen zurück nach Erldunda, weiter Richtung Alice Springs. Die Nacht auf dem Highway ist eine Definition für Stille. Kein Auto für die Zeit einer Abendserie. Die südliche Hemisphäre ist Kino: Sterne so hell, sie skizzieren die Milchstraße so deutlich wie sie sonst nirgends zu sehen ist. Ein Kraftprotz von Licht – denn es ist fast Vollmond, trotzdem ist eine strahlende Menge zu sehen, die nicht endet. Nach zwei, drei Minuten verführt die Stille so sehr, die einzige Bewegung überhaupt – Es ist das Funkeln der Sterne! Nichts sonst passiert, kein Geräusch in der Ferne, kein Tier bewegt sich. Nicht die Idee einer Ablenkung geschieht. Es gibt keinen Ort, keinen Zug innerhalb der nächsten 80 Kilometer, kein elektrisches Licht. Die Augen und sämtliches Bewusstsein reduzieren ihre Aufmerksamkeit auf die winzig scheinenden Ereignisse, die da aus Lichtjahren Entfernung auf der Erde ankommen. Das ist ein vollkommenes Kunstwerk des Minimalismus. Die Welt steht, Stopp! Auch eine philosophische Übung: Man erkennt das Funktionieren vom „Passieren der Dinge“. Ist passieren der Vorgang des ‚Vorbeigehens‘? Oder auch das Ereignis im Geschehen? In dieser Nacht auf dem Highway nach Alice Springs ist „Passieren“ – etwas ‚passiert‘ – so reduziert, wie noch nie zuvor in meiner Zeit auf dem Planeten. Man muss sich nur vorstellen, wie wenig das ist: Kleinste Veränderungen im Lichtschein der Sterne – das ist alles, was diese Stunden in der Nacht hatten. Nichts anderes – „passierte“ mich. Das zu zu greifen fällt schwer.

Der Hobbyphilosoph fragt als Nachtrag: Aufmerksam wurde ich auf dieses Geschenk durch die anwesende Stille. Im Van erledigte ich etwas und merkte plötzlich, dass um mich herum da etwas ist, was mich ablenkt. Das Nichts war da, es machte auf sich aufmerksam. Metadenken: Es geschieht nichts, und genau das ist, was geschieht. Wie eine sanfte Wolke umschloss es die Gegend. Was macht es mit dem Gefühl, der digitalen Reizüberflutung ausgeliefert zu sein, wenn diese nie gekannte Stille einem so viel Energie geben kann? Und kann man sie noch irgendwo anders finden?

Es wäre einen Preis wert, einen Ort in Deutschland auszumachen, der das bietet. Im australischen Outback? – Here we go! Rotes Herz, du lebst, weil du dir aus nichts etwas machst.


Luft – Lehrer – Raum

Ben ist acht Jahre. Wenn er am Morgen aufsteht, wandeln die Solarplatten auf den Dächern der Häuser bereits Sonnenenergie in Massen zu Strom um. Ben frühstückt Müsli und trinkt Tee mit Milch, er sieht Mum und Dad draußen Kühe treiben, auf der Cattle- Station. Roter Staub wirbelt auf und unter den Hüten der Arbeiter perlt Schweiß. Ben begrüßt Allie und beide sitzen bald vor dem Computer. Er klickt auf das Symbol mit dem Namen „REACT“, es öffnen sich mehrere Fenster, die Webcam des Computers geht an. Die Fenster zeigen weitere Kinder in Bens’ Alter sowie einen Mann, der gerade ein Experiment vorbereitet. Was ist Absorption? Wasser, Sand, eine Schachtel. Ben macht mit, Allie hilft beim Aufbauen. Der Mann, sein Name ist Jeremy, erklärt, liest vor, zeichnet. Er unterhält sich mit den Kindern, die alle gespannt zuschauen und mitmachen. Jim, ein anderes Kind, klingt durch das Mikrofon zu laut, Jeremy regelt die Lautstärke zurück. Das Wasserexperiment ist gelungen, die Kinder sind begeistert und unterhalten sich über Video und Mikrofon. Nach einer halben Stunde ist Pause, in fünfzehn Minuten geht es weiter mit Mathe. Allie, Bens’ persönlicher Tutor, zeigt ihm noch Hausaufgaben und arbeitet dann an ihrer Nachbereitung.

Ben wohnt auf einer Outback Station im Northern Territory. Sein Dad fährt manchmal mehrere Tage raus, er muss mit dem Helikopter die Rinderherde auffinden und die mit Drovern auf eine neue Weide schicken. Das dauert. Denn die Rinderfarm von Ben’s Familie hat die Größe von Belgien. Einmal in der Woche geht es über eine Sandpiste nach Alice Springs zum Einkaufen. Ben bleibt da meistens zuhause, von der Farm bis nach Alice Springs sind es neun Stunden Fahrt. Alles eingekauft, jede Aufgabe erledigt? – Dann geht es neun Stunden zurück. Weil es Kinder aber keine Schulen im Outback gibt, wurde in den 1950er Jahren die Alice Springs School of the Air gegründet. Anfangs über Funk und Radio übermittelt, werden Schüler jetzt über das Internet unterrichtet.

Wie funktioniert das? In Alice Springs gibt es ein altes Radiostudio, in dessen drei Senderäumen jeweils mehrere Kameras und Computer eingerichtet sind. Zur Unterrichtszeit startet der jeweilige Lehrer die Software REACT, ebenso wie die Schüler auf ihren Farmen. Über Videokonferenz samt Greenscreen für Bildeinblendungen haben die Schüler alle Fächer, die ihre Mitschüler in den gewöhnlichen Schulen auch haben. Technisch umgesetzt ist das so: Zwischen Alice Springs und Darwin liegt eine Fibre-Channel Hochgeschwindigkeitsleitung, dazu sitzt eine Satellitenschüssel auf dem Dach des Radiostudios in Alice Springs. Sendegebiet: 1,3 Millionen Quadratkilometer. Jede Familie, die bei School of the Air eingeschrieben ist, bekommt Technik im Wert zwischen 10 – 15000 Dollar eingerichtet. Die IT-Mitarbeiter der Schule fahren raus bis zu den Familien und bauen alles auf. Der Unterricht bzw. die Liveübertragung wird über ein separates Netz gestreamt, da das Internet zu schnell überlastet ist. Zusätzlich werden Pakete mit Materialien wie Bücher, Stifte, Bastelzeug oder farbige Papiere per Luftpost ins Outback geschickt. Die Familien müssen nichts davon bezahlen, die Technik jedoch am Ende der Schulzeit wieder abgeben. Aufgaben, die die Schüler zu lösen haben, werden zuhause eingescannt und über das Netz an den Lehrer in Alice Springs gesendet.

Das Alles kostet eine Menge Geld, auch erzielen die Schüler ähnlich gute Abschlüsse, wie auf städtischen Schulen. Nach ihrer besonderen Schulzeit haben sie die Chance, auf einem Internat den mit dem Abitur vergleichbaren Schulabschluss zu leisten. Dann leben sie in einer größeren Stadt. Bloß: Wie geht es einem 16 – Jährigen, der zum ersten Mal überhaupt in eine Gegend mit Menschen kommt? Der sein Leben lang noch nie innerhalb einer größeren sozialen Gruppe gelebt hat? Fragen im „desert-lifestyle“. Die nächste Stunde geht los, die Klimaanlage zur Kühlung der Sendetechnik in Alice Springs kann ausbleiben, heute werden keine 45°. Rotes Herz, wie du lebst.

Veröffentlicht in Australiyear